Traum-Reise-Therapie

R: Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass Sie über zehn Jahre lang unterwegs waren, die Welt bereist haben und einen großen Hund dabei hatten. Das muss eine außergewöhnliche Erfahrung gewesen sein!

EC: Ja, Monster und ich sind 1999 zu Hause aufgebrochen und haben im Laufe der Jahre 31 Länder auf 5 Kontinenten besucht. Ich kann also nicht nur mit Sicherheit sagen, dass ich der am Weitesten gereistes Psychologe aller Zeiten bin, sondern ohne jeden Zweifel ist auch Monster der am Weitesten gereiste Hund.

R: Können Sie kurz erklären, was genau Reise-Therapie ist?

EC: Eine Zeitreise. Hahaha.

R: Das war kurz. Lassen Sie mich anders fragen: Was machen Sie und in wie fern unterscheidet es sich von dem, was andere Psychologen tun?

EC: Ich unterrichte sowohl Psychologen als auch Juristen in Traumdeutung und ich berate Menschen von überall auf der Welt via Internet, egal ob sie an Depression oder Ängsten leiden oder sich positiv verändern wollen. Auf meinen Reisen habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass die Menschen überall auf der Welt dieselben Probleme haben. Sie haben Liebeskummer, sie sind wütend, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Die meisten Leute leben nicht ihre Träume sondern stolpern irgendwie durchs Leben, völlig ahnungslos, was sie überhaupt antreibt. Das psychoanalytische Modell ist unbestreitbar wahr geworden. Und die Werkzeuge, die es uns liefert (freie Assoziation und Traumdeutung) haben sich als recht wirkungsvoll erwiesen. Wir haben jetzt Untersuchungsmethoden, deren Ergebnisse nachprüfbar und wiederholbar sind.

R: Sie haben vor 7 Jahren das Reisen beendet und sich in China niedergelassen, nicht wahr? Die New York Times brachte einen langen Artikel über den unglaublichen Anstieg der Psychoanalyse in China während der letzten Jahre. Es scheint dort einen großen Bedarf dafür zu geben!

EC: Ja, und die neuesten Entdeckungen der Neurowissenschaft bestätigen, was bereits bekannt war. Für den fachlich interessierten Leser empfehle ich das kurze, ausdrucksstarke Interview mit Mark Holms, Professor für Neuropsychologie an der Universität von Kapstadt. Für Millionen von Menschen überall auf der Welt hat sich die Psychoanalyse als erfolgreich erwiesen. (In Argentinien zum Beispiel gaben 30 % der Bevölkerung an, dass sie irgendwann in ihrem Leben einen Therapeuten konsultiert haben). Sie hat sowohl im realen wie auch im übertragenen Sinn das Leben zahlreicher Menschen gerettet. Aber ihr großer Nachteil ist, dass sie viel Zeit kostet. Wenn ein Mann eine Schussverletzung an der Lunge erleidet, würde er sich beschweren, wenn die Wunde nicht in 2 Wochen komplett verheilt ist? Warum sollte eine psychische Verletzung einfacher zu heilen sein? Ich begann darüber nachzudenken, ob es eine Methode gäbe, die Genesungszeit zu verkürzen. War das möglich? Während meiner Reisen kam mir die Idee, ob es nicht möglich wäre, Menschen zu helfen, schneller gesund zu werden, wenn man die innere psychische Uhr ihres Körpers beschleunigen könnte. Die äußere Zeit würde selbstverständlich dieselbe bleiben, aber die innere Uhr, die subjektive Wahrnehmung der Zeit würde beschleunigt und so den psychologischen Prozess schneller durchlaufen. Ich fing an, eine neue aktive Therapiemethode zu entwickeln: die Reise-Therapie. Die Idee basiert auf der einfachen Tatsache, dass Reisen in vieler Hinsicht das Leben beschleunigt. Wenn diese Prämisse stimmt, dann folgt daraus die logische Konsequenz, dass jegliche Art von psychischer Veränderung, die eine Person gerade durchläuft, während einer physischen (Orts-)Veränderung schneller abläuft. Ich meine damit (wie jeder, der viel gereist ist bestätigen kann), dass man mehr in einer Woche an einem exotischen Ort erlebt als wenn man zu Hause bleibt und 40 Wochenstunden oder mehr in seinem Büro sitzt und auf den Computer starrt. Der berühmte Autor, Henry Miller, traf den Nagel auf den Kopf als er sagte: „Das Ziel eines Menschen ist nie ein Platz, sondern eine neue Art und Weise, die Dinge zu sehen.“ Und mein Amerikanischer Lieblingsautor, John Steinbeck, fasst es noch kürzer, wenn er sagt: „ Leute machen keine Reisen. Reisen machen Leute.“ Wenn man also den persönlichen Gewinn des Reisens mit dem traditionellen Erfolg der Psychoanalyse verbindet, fängt man an zu verstehen, wie effektiv diese Strategie ist. Natürlich kann man sie nicht in jedem Fall anwenden (z.B. bei Kindern), aber in den meisten Situationen ist sie die Lösung. Man muss verstehen, dass es sich dabei nicht einfach um verreisen um des Reisens Willen handelt, nur um danach in die selbe alte hässliche Lebenssituation und negative Denkstruktur zurückzukehren. Es ist vielmehr gleichzeitig eine spirituelle und physische Reise. Was die Reise-Therapie auszeichnet ist, dass das Reisen immer in Verbindung mit der Psychoanalyse gemacht wird.

R: Es geht also nicht nur darum, mal für eine Zeit lang weg zu fahren, um den Kopf klar zu kriegen?

EC: Absolut nicht. Die direkte Kommunikation mit dem Therapeuten ist das kritische Element. Träume werden z.B. unterwegs analysiert, was es einem ermöglicht ihren Wert zu maximieren. Sonst würde man lediglich einen Ausflug machen und wieder zurück nach Hause fahren. Das gewaltige Ausmaß dieses Erlebnisses ginge verloren. Es ist allgemein bekannt, dass wegfahren sehr erfrischend sein kann. Du fährst in Urlaub und lässt alle deine Probleme zurück. Das war tatsächlich der Grund, warum ich meine Reisen begann und es war so erfrischend, dass ich weiter und weiter gereist bin, über ein Jahrzehnt! Aber es ist nicht für jeden angenehm für eine so lange Zeit so zu leben. Hahaha. Unterwegs sein ist herrlich, aber das Problem bleibt dasselbe. Du reist und vergisst deine Probleme, aber leider sind sie noch da und warten auf dich, wenn du zurückkehrst. (Sie fahren nicht in Urlaub.) Vielleicht fühlst du dich anfangs ganz gut, aber nach kurzer Zeit fällst du wieder in die Depression, oder was immer dein Problem ist, und deine wundervolle Reise scheint nur ein schöner Traum gewesen zu sein.

R: Ja, so ist es mir ergangen. Meine letzte Auslandsreise erscheint mir jetzt völlig unwirklich.

EC: Das ist unvermeidlich. Das passiert immer und wird immer wieder so passieren. Aber was meine Methode macht ist folgendes: Sie fängt den Moment ein, wo Ihre psychische innere Uhr beschleunigt ist, friert ihn ein und erlaubt Ihnen das Gefühl beizubehalten. Wirkliche Heilung und wirkliches Wachstum finden statt, so dass es keinen Unterschied mehr macht, ob Sie physisch an denselben Ort zurückkehren, weil Sie sich selbst schon weiterentwickelt haben. Zusätzlich zu dem physischen Ortswechsel wird oft noch eine weitere Dimension zu der Formel hinzugefügt, eine Aufgabe, die erledigt werden muss, z.B. einen Baum zu pflanzen oder einen Fisch zu kaufen und ihm in einem nahen See die Freiheit zu schenken. Was wir hierbei versuchen, ist die Emotionen zu spüren, die tief in uns verborgen sind. Dazu müssen wir erst einmal herausfinden, was die wirkliche Ursache des Problems ist. Nehmen wir ein vereinfachtes Beispiel: Wenn ein junges Mädchen nicht über die Trennung von ihrem Ex-Freund hinwegkommt und wir dann durch die Analyse erfahren, dass das etwas mit ihrem Vater zu tun hat, der die Familie verlassen hat, als sie noch sehr jung war, dann ist das etwas, was wir berücksichtigen müssen. Wenn Sie wegen Schmerzen im Arm zum Arzt gehen, macht eine Operation am Arm keinen Sinn, falls die Schmerzen von einem Herzinfarkt verursacht wurden. Wenn die Ursache des Problems erkannt worden ist, dann – so die Idee – wirkt das therapeutisch begleitete Reisen als Katalysator für die Heilung, wegen der großen Menge neuer Erfahrungen in einer kurzen Zeitspanne. Ein weiterer positiver Effekt der Reise-Therapie ist die Stärkung des Selbstwertgefühls und das Vermitteln von Erfolgserlebnissen. Die Reise ist ein das eigene Leben bestätigendes Ereignis, wo die Person stolz sagen kann:“ Ja, das habe ich getan. Ich war erfolgreich. Ich habe etwas geschafft (über die reine Flucht weg von einer krank machenden Umgebung hinaus). Die Person begibt sich in eine völlig andere Atmosphäre und erfährt einen erfrischenden, belebenden, vielleicht sogar berauschenden Perspektivwechsel. Dies funktioniert besonders gut, wenn die Person zwischen verschiedenen Kulturen wechselt. Dies heißt aber nicht, dass die Person beliebig lange dort bleiben soll. Von einem Problem davon laufen ist nie wirklich eine Lösung und das ist nicht, was ich hier vorschlage, aber er oder sie kann viel Kraft aus dieser neuen Erfahrung schöpfen, kann ein Bewusstsein für inneren Frieden und ein Gefühl der Verbundenheit mit der Welt mitbringen.

R: Das klingt wundervoll, aber ist das nicht zu teuer für viele Leute?

EC: Also, erst einmal ist es nicht notwendig, um die halbe Welt zu fahren. Das ist zwar ein effektives Szenario, aber selbst ein Wochenendausflug an einen unbekannten Ort ist schon hilfreich. Die wertvolle Erfahrung ist, sich selbst in neue Lebensumstände zu begeben. Wenn Sie z.B. ein Couchpotatoe sind und nicht viel nach draußen gehen, kann ein Campingaufenthalt in der Wildnis ein gutes Rezept für Sie sein. Oder wenn Sie ein Büroangestellter sind, arbeiten Sie mal für eine Woche auf einem Bauernhof. Die Idee ist, das sprichwörtlich bestimmende Paradigma zu unterminieren. Zweitens werden die Reisekosten oft als eigener Abwehrmechanismus gebraucht. Das ist etwas, das ich selbst während meiner Reisen erlebt habe. Während meiner 10 Jahre auf Reisen habe ich oft Briefe an meine Freunde geschickt, in denen ich meine Abenteuer beschrieben habe. Fast alle haben etwas in der Art geantwortet wie „Ich wünschte, ich könnte das auch tun.“ oder „Du lebst meinen Traum“… Aber das witzige war, wann immer ich jemanden einlud, mich zu begleiten, kamen sie mit irgendwelchen Gründen, warum sie es nicht tun konnten. Entweder hatten sie nicht das Geld dafür, oder ihre Familie würde sich Sorgen machen oder sie konnten keine Auszeit von ihrer Arbeit/ihrem Studium bekommen. Aber dies waren nicht wirkliche Gründe sondern Ausreden. Es ist immer leicht, Gründe zu finden, irgendetwas nicht zu tun. Der wahre Grund war, dass sie Angst hatten, ihnen ihre Furcht aber nicht bewusst war. Und schließlich muss man, wenn man über die so genannten Reisekosten nachdenkt auch die beträchtlichen Einsparungen berücksichtigen, da man die Therapie von Monaten oder Jahren auf Wochen reduziert. Und tatsächlich kostet das Reisen nur so viel, wie man dafür ausgeben will. Ich habe z.B. auf meinen Reisen nie im Hotel übernachtet und bin oft zu Leuten nach Hause eingeladen worden. Völlig Fremde, einige von ihnen bettelarm, nahmen mich auf. Aber wenn man die Kosten der Reise-Therapie berechnet, gibt es eigentlich nur eine kritische Sache, die man berücksichtigen muss: der Preis des Leidens! In dieser Hinsicht, wenn jemand wirklich leidet, erscheint jeder Preis gerechtfertigt.

Enrique Crow ist Psychotherapeut, Autor und Schöpfer einer Rockoper. Er ist zu erreichen unter